Die Essenz der Vorträge von Alan Watts

Das Grundproblem

Wir erleben uns gewöhnlich als ein getrenntes Ich in einer äußeren Welt.

Dieses Ich versucht, sein Leben zu kontrollieren, Sicherheit herzustellen, Vergnügen festzuhalten, Schmerz zu vermeiden, erfolgreich zu sein und irgendwann einen Zustand zu erreichen, in dem endlich alles stimmt.

Für Alan Watts liegt genau darin ein grundlegendes Missverständnis.

Das „Ich“ ist kein isoliertes Ding. Es ist ein Vorgang innerhalb eines größeren Vorgangs – vergleichbar mit einer Welle im Meer, einer Flamme oder einer Melodie.

Eine Welle kann nicht vom Meer getrennt werden. Ebenso wenig kann ein Mensch unabhängig von seiner Umwelt existieren.

Wir atmen die Atmosphäre. Unser Körper besteht aus Nahrung, Wasser und Stoffen der Erde. Unsere Gedanken entstehen mithilfe einer Sprache, die andere Menschen geschaffen haben. Persönlichkeit entwickelt sich durch Beziehung.

Das Selbst und die Welt entstehen nicht unabhängig voneinander. Sie gehören zu einem einzigen Geschehen.


1. Wir sind keine Dinge, sondern Prozesse

Ein Mensch erscheint über Jahrzehnte als dieselbe Person, obwohl sich sein Körper, seine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen ständig verändern.

Das Wort „Ich“ erweckt den Eindruck, hinter all diesen Veränderungen müsse ein unveränderlicher Besitzer stehen.

Watts stellt diese Annahme infrage.

Eine Flamme bleibt ebenfalls scheinbar dieselbe Flamme, obwohl ständig neues Material verbrennt.

Eine Welle bewegt sich scheinbar durch das Wasser, obwohl kein festes Objekt durchs Meer reist.

So kann auch eine Person als stabiles Muster in einem kontinuierlichen Prozess verstanden werden.

„‚Ich‘ ist schlicht das Universum, das sich an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit seiner selbst bewusst ist.“


2. Vergänglichkeit ist kein Fehler

Wir versuchen ständig, Dinge festzuhalten:

Gesundheit, Beziehungen, Besitz, Jugend, Sicherheit, angenehme Gefühle und letztlich unser eigenes Leben.

Doch Veränderung ist nicht etwas, das dem Leben gelegentlich zustößt.

Veränderung ist das Leben.

Etwas vollkommen Unveränderliches wäre nicht lebendig.

Watts dreht deshalb unsere gewöhnliche Haltung um: Nicht die Vergänglichkeit ist das Problem. Das Leiden entsteht zu einem erheblichen Teil aus unserem Versuch, das Vergängliche dauerhaft zu machen.

„Halten Sie es nicht fest. Lassen Sie es los.“


3. Gegensätze gehören zusammen

Wir möchten gewöhnlich:

Leben ohne Tod.
Freude ohne Trauer.
Erfolg ohne Scheitern.
Sicherheit ohne Unsicherheit.
Gewinn ohne Verlust.

Doch Gegensätze definieren sich gegenseitig.

Ohne Dunkelheit gäbe es kein erkennbares Licht. Ohne Hintergrund keine Figur. Ohne Stille keine hörbare Musik. Ohne Nicht-Vergnügen wäre Vergnügen nicht als solches erfahrbar.

Watts greift dafür die taoistische Polarität von Yang und Yin auf.

Die beiden Seiten bekämpfen einander nicht grundsätzlich. Sie erzeugen einander.

„Sein und Nichtsein entstehen gegenseitig.“

Der Versuch, nur eine Hälfte des Lebens zu behalten, ist deshalb ein Versuch, eine Münze mit nur einer Seite zu erzeugen.


4. Auch Selbst und Andere entstehen gemeinsam

Ich kann mich nur als „Ich“ erleben, weil es etwas gibt, das ich als „nicht ich“ erfahre.

Ebenso braucht eine gesellschaftliche In-Group eine Out-Group.

Selbst Menschen, die sich als tolerant verstehen, können sofort eine neue Trennung erzeugen:

Wir toleranten Menschen gegen diese intoleranten Menschen.

Watts sieht darin ein universelles Muster.

„Jede Existenz ist Beziehung.“

Die Einsicht bedeutet nicht, Unterschiede abzuschaffen.

Sie bedeutet zu erkennen, dass Unterschied nicht dasselbe wie absolute Trennung ist.


5. Das Streben nach Vergnügen enthält ein Paradox

Angenehme Erfahrungen sind kein Problem.

Das Problem beginnt mit:

„Das muss bleiben.“

In diesem Moment ist die Aufmerksamkeit bereits nicht mehr vollständig beim Vergnügen.

Sie richtet sich auf die Zukunft:

Wie bekomme ich mehr davon?
Wie verhindere ich seinen Verlust?
Wie kann ich diesen Zustand wiederholen?

Aus Freude wird Angst.

Watts kritisiert deshalb nicht das Vergnügen, sondern das zwanghafte Festhalten am Vergnügen.

Je stärker wir versuchen, Glück zu besitzen, desto leichter entzieht es sich uns.


6. Wir verwechseln Symbole mit Wirklichkeit

Watts formuliert dafür ein besonders anschauliches Bild:

Wir „essen die Speisekarte statt des Abendessens“.

Geld ist ein Symbol für Wohlstand.

Status ist ein Symbol gesellschaftlicher Anerkennung.

Ein Abschluss ist ein Symbol von Wissen oder Qualifikation.

Worte sind Symbole für Erfahrungen.

Das Problem beginnt, wenn das Symbol wichtiger wird als das, worauf es verweist.

Dann sammeln Menschen beispielsweise Geld und vergessen dabei zu leben.

Oder sie verfolgen Status und verlieren dabei genau die Freiheit, wegen der sie ursprünglich erfolgreich werden wollten.


7. Das Leben wird ständig auf später verschoben

Ein Kind soll lernen, damit es auf die nächste Schule kommt.

Es geht zur Schule, damit es einen Beruf bekommt.

Es arbeitet, damit es Karriere macht.

Es macht Karriere, damit es genügend Geld verdient.

Es spart für später.

Und irgendwann erreicht es die Rente und soll nun endlich anfangen zu leben.

Watts sieht darin eine kulturell tief verankerte Illusion.

Das Leben findet niemals später statt.

Wenn die Gegenwart ausschließlich als Mittel für eine zukünftige Gegenwart benutzt wird, wird dieses Muster auch in der Zukunft fortgesetzt.


8. Das Leben ist eher Musik als eine Reise

Dies ist vielleicht Watts’ stärkstes Bild.

Wenn Musik nach derselben Logik funktionieren würde wie Karriere und Lebensplanung, wäre der beste Musiker derjenige, der am schnellsten zum letzten Ton gelangt.

Aber niemand hört eine Symphonie wegen ihres Schlussakkords.

Auch beim Tanzen besteht das Ziel nicht darin, möglichst schnell an einer bestimmten Stelle des Raumes anzukommen.

Der Sinn liegt im Geschehen selbst.

So betrachtet Watts auch das Leben.

Nicht:

Ich muss irgendwo ankommen.

Sondern:

Das Geschehen selbst ist das Leben.


9. Leben ist Spiel – aber nicht belanglos

„Spiel“ bedeutet bei Watts nicht Oberflächlichkeit.

Ein Musiker spielt.

Ein Schauspieler spielt.

Ein Kind kann völlig konzentriert spielen.

Spiel kann höchste Aufmerksamkeit und enormes Können erfordern.

Der Unterschied liegt darin, dass der Wert der Tätigkeit nicht vollständig von einem späteren Ergebnis abhängt.

Watts unterscheidet deshalb zwischen Aufrichtigkeit und übermäßiger Ernsthaftigkeit.

Man kann vollkommen aufrichtig handeln, ohne das Universum in ein gigantisches Pflichtprogramm zu verwandeln.


10. Überleben kann nicht der Sinn des Lebens sein

Natürlich versucht ein lebender Organismus zu überleben.

Doch wenn das gesamte Leben nur noch dazu dient, seine Fortsetzung sicherzustellen, entsteht ein Zirkelschluss:

Wir leben, damit wir weiterleben können, damit wir weiterleben können.

Das Überleben ermöglicht das Leben.

Es kann aber nicht dessen gesamter Inhalt sein.

In diesem Sinne fragt Watts sinngemäß:

Überleben wir, um zu leben – oder leben wir nur noch, um zu überleben?


11. Auch die spirituelle Suche kann zur Falle werden

Irgendwann erkennt ein Mensch vielleicht die Begrenztheit von Geld, Karriere oder Status.

Nun sucht er etwas „Höheres“.

Er möchte erleuchtet werden.

Sein Ego überwinden.

Vollkommen selbstlos werden.

Einen besonderen Bewusstseinszustand erreichen.

Doch strukturell kann das exakt dasselbe Spiel bleiben:

„So wie ich jetzt bin, bin ich noch nicht richtig. Irgendwann werde ich angekommen sein.“

Watts formuliert das Paradox drastisch:

„Du kannst dein Ego genauso wenig mit deinem Ego beseitigen, wie du Feuer mit Feuer löschen kannst.“

Das Ich macht nun seine eigene Abschaffung zum nächsten großen Projekt.


12. Das Selbst kann nicht als Objekt gefunden werden

Wir können unseren Körper beobachten.

Unsere Gedanken beobachten.

Unsere Gefühle beobachten.

Unsere Erinnerungen beobachten.

Doch wer beobachtet?

Sobald wir auch diesen Beobachter betrachten wollen, ist wiederum jemand da, der ihn betrachtet.

Damit entsteht ein endloser Rückwärtsgang.

Watts verbindet dies mit der hinduistischen Vorstellung von Atman und Brahman.

Das tiefste Selbst kann nicht wie ein Gegenstand entdeckt werden, weil es der Hintergrund jeder Entdeckung ist.

„Keine noch so intensive Suche kann das Selbst entdecken.“

Nicht weil es besonders gut versteckt wäre.

Sondern weil der Suchende selbst das Gesuchte ist.


13. „Du bist das Ganze“

Die radikalste vedantische Aussage in diesen Vorträgen lautet:

„Du bist das Ganze.“

Damit ist nicht gemeint, dass die individuelle Persönlichkeit allmächtig sei.

Die Person ist vielmehr eine Perspektive, aus der das gesamte Geschehen erscheint.

Wie eine Welle nicht das gesamte Meer ist und dennoch vollständig Meer ist.

Das Universum erscheint aus Milliarden Perspektiven und erlebt sich dadurch gewissermaßen selbst.


14. Das Universum als Versteckspiel

Watts beschreibt die hinduistische Kosmologie mit einem spielerischen Bild:

Das eine Selbst spielt mit sich selbst Verstecken.

Es nimmt zahllose Formen an und identifiziert sich vollkommen mit ihnen.

Es vergisst, was es ist.

Menschen, Tiere, Pflanzen, Sterne und sämtliche Erscheinungen werden Rollen dieses Spiels.

„Das Selbst spielt ewig mit sich selbst Verstecken.“

Die Illusion besteht deshalb nicht darin, dass die Welt „unwirklich“ wäre.

Die Illusion besteht darin, eine Rolle für etwas absolut Getrenntes zu halten.


15. Kontrolle ist nur ein kleiner Teil unserer Intelligenz

Unser bewusster Verstand kontrolliert keineswegs den größten Teil dessen, was wir tun.

Wir verdauen, regulieren Körpertemperatur, koordinieren Bewegungen, erkennen Gesichter, formen Sprache und verarbeiten enorme Informationsmengen, ohne jeden einzelnen Vorgang bewusst zu steuern.

Trotzdem entwickelt das bewusste Denken leicht die Vorstellung, es müsse der Geschäftsführer des gesamten Organismus sein.

Watts plädiert nicht dafür, Denken abzuschaffen.

Er plädiert dafür, dem umfassenderen Prozess zu vertrauen, aus dem auch das Denken entsteht.


16. Spontaneität bedeutet nicht Gedankenlosigkeit

Wu Wei wird leicht als Nichtstun missverstanden.

Gemeint ist eher Handeln ohne unnötigen inneren Widerstand.

Ein guter Tänzer muss nicht jede Muskelbewegung bewusst planen.

Ein Musiker kann sich seiner Technik bedienen, ohne jeden Ton intellektuell zu berechnen.

Meisterschaft zeigt sich häufig gerade darin, dass erlernte Fähigkeiten spontan geworden sind.

Denken bleibt Teil dieses Vorgangs.

Es muss lediglich nicht behaupten, der alleinige Herrscher zu sein.


17. Loslassen bedeutet nicht Passivität

Aus Watts’ Gedanken folgt nicht:

„Dann ist sowieso alles egal.“

Man kann handeln, planen, lernen, schützen, gestalten und Probleme lösen.

Der entscheidende Unterschied liegt in der inneren Struktur des Handelns.

Man kann aus Angst handeln:

„Ich muss die Welt reparieren, sonst darf ich nicht zufrieden sein.“

Oder aus Beteiligung:

„Ich liebe dieses Leben und deshalb kümmere ich mich darum.“

Das äußere Verhalten kann ähnlich aussehen.

Die innere Beziehung dazu ist völlig verschieden.


18. Freiheit entsteht nicht durch vollständige Sicherheit

Der Wunsch nach absoluter Sicherheit verlangt letztlich eine Welt ohne Überraschung, Veränderung und Risiko.

Doch genau diese Eigenschaften würden auch Lebendigkeit, Entdeckung und Freiheit beseitigen.

Eine vollkommen kontrollierte Zukunft wäre gleichzeitig eine vollkommen bekannte Zukunft.

Und eine vollkommen bekannte Zukunft wäre kein Abenteuer mehr.

Deshalb gehören Sicherheit und Unsicherheit ebenso zusammen wie die anderen Polaritäten des Lebens.


19. Das Gesuchte war nie abwesend

Die spirituelle Suche kann lange notwendig erscheinen.

Man liest Bücher.

Meditiert.

Sucht Lehrer.

Versucht sich zu verändern.

Und irgendwann kann die Erkenntnis entstehen:

Ich habe versucht, zu dem Ort zu gelangen, an dem ich die ganze Zeit bereits war.

Watts sagt damit nicht, dass Lernen oder Meditation nutzlos seien.

Sie können interessant, schön und transformierend sein.

Problematisch wird lediglich die Vorstellung, man müsse sie absolvieren, um endlich das Recht zu erwerben, vollständig am Leben teilzunehmen.


Die drei stärksten Bilder

Die Welle

Du bist kein isoliertes Objekt im Universum.

Du bist eher eine Welle des Universums.

Die Form erscheint vorübergehend, verändert sich und verschwindet.

Aber sie war nie vom Meer getrennt.

Die Musik

Das Leben muss nicht zu einem Endpunkt führen, um sinnvoll zu sein.

Eine Melodie wird nicht dadurch sinnvoll, dass sie endet.

Sie ist sinnvoll, während sie gespielt wird.

Das Versteckspiel

Das Ganze erscheint als unzählige einzelne Wesen und nimmt diese Rollen vollkommen ernst.

Erkenntnis bedeutet nicht unbedingt, das Spiel zu verlassen.

Sie kann bedeuten, weiterzuspielen und gleichzeitig zu wissen, dass es ein Spiel ist.


Die Essenz in 10 Sätzen

  1. Du bist kein isoliertes Ding, sondern ein Vorgang innerhalb des gesamten Geschehens.
  2. Selbst und Welt existieren nur in Beziehung zueinander.
  3. Vergänglichkeit ist nicht der Defekt des Lebens, sondern seine Voraussetzung.
  4. Gegensätze müssen nicht besiegt werden, weil sie einander hervorbringen.
  5. Der Versuch, Freude festzuhalten, verwandelt sie leicht in Angst.
  6. Die Gegenwart ist kein bloßes Mittel für eine bessere Zukunft.
  7. Das Leben ähnelt eher Musik und Tanz als einer Reise zu einem Ziel.
  8. Auch Erleuchtung wird zur Falle, sobald sie zu einem zukünftigen Besitz des Ichs gemacht wird.
  9. Loslassen bedeutet nicht, nichts zu tun, sondern nicht alles zwanghaft kontrollieren zu müssen.
  10. Du musst nicht erst irgendwo ankommen, um vollständig am Leben teilzunehmen.

Ein Satz als endgültige Verdichtung

Du bist nicht ein getrenntes Ich, das sich durch eine unsichere Welt kämpfen und irgendwann das Leben gewinnen muss – du bist eine vorübergehende Form dieses Lebens selbst, und sein Sinn liegt nicht im Ankommen, sondern im Geschehen.